Kanufahren macht Spaß

Das Märchen vom Thermoplongschör

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, zu der Zeit als die Menschen noch auf sehr genügsame Weise zu leben verstanden. Da wohnten in einer kleinen Stadt ein alter Dienstmann und seine liebe Frau. In Anstand und Bescheidenheit führten sie ein gottgefälliges Leben. Demut, Redlichkeit, Treue und Pflichterfüllung waren die Säulen ihres bescheidenen Daseins. Sie fielen aus keinem Rahmen, und um sich ihren Kaffee oder ein Süpplein zu kochen, benutzten sie alltäglich einen Thermoplongschör, so wie es zu jenen Zeiten dem Brauchtum entsprach.

Nun kam die Zeit, da der gute Mann von seinem Landesherrn in Ehren aus seinen Diensten entlassen wurde, und er sagte zu seinem Weibe: “Der Liebe Gott hat gewollt, dass wir nach vielen Jahren harter Arbeit noch gut bei Kräften sind. Lasset uns weiterhin nützlich sein. Wir wollen uns aufmachen in ferne Lande, den Herrn zu preisen und seine Schöpfung zu ehren, so lange es ihm und uns gefällt.“

Und so begaben sie sich auf die Reise. Die Wunder der Schöpfung wurden ihnen offenbar wie nie zuvor. Viele Abenteuer harrten am Wegesrand. Doch Mut, Geschick und die Hilfe des Herrn geleiteten sie unbeschadet durch alle Gefährdungen.

Doch eines Morgens, welch ein Schreck! Der treue Thermoplongschör, auch auf ihren Reisen der zuverlässige Mittelpunkt ihres Haushaltes, versagte seine Dienste! Die Wasser für Kaffee und Süpplein blieben einfach kalt. Das zeitliche Ende des treuen Begleiters war unzweifelhaft gekommen. Trauer und tiefe Ratlosigkeit machten sich breit.

Nun, da die Zeiten auch Entwicklungen anderer Geräte zur Wärmeerzeugung gebracht hatten, durchaus handlicher und zweckmäßiger als der bewährteste Thermoplongschör, wäre es ein Leichtes gewesen, sich einer der modernen Errungenschaften zuzuwenden. Doch eine tiefe Verbundenheit zu Althergebrachtem, ein Wertekonglomerat aus Gegentreue, Solidarität und Pietät hemmten das Handlungsbedürfnis des redlichen Mannes und seiner lieben Frau. Der Erwerb eines Wasserkochers wäre einem Verrat gleichgekommen. Und so wanderten sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, suchten in den letzten, noch altem Brauchtum verpflichteten, oftmals skurrilen Läden nach einem Thermoplongschör. Doch wohin sie auch kamen, sie ernteten nur verständnisloses Kopfschütteln, mitleidiges Herabschauen o
der bestenfalls in die Ferne gerichtete, erinnerungsträchtige Blicke.

Eines Tages standen sie müde und niedergeschlagen vor dem Schaufenster eines winzigen Lädchens. Und siehe da, in der Auslage: ein Thermoplongschör! Klein und bescheiden lächelte er sie an. Ebenmäßig gezogener, blitzender Stahl, vier gleichmäßige Windungen, ein griffiger, zwei starre Silberzähne bleckender Schukostecker, blütenweißes, biegsames Kabel, sorgsam gewickelt und gezähmt von einem kräftigen Gummiband, sogar ein Lederbeutelchen, glänzend  in lustigen Farben und mit Reißverschluss … welch eine Freude! Hinein in den Laden und nix wie gekauft! Preis Nebensache, Hauptsache Thermoplongschör!

Doch schon der erste Arbeitseinsatz des niedlichen Geschöpfes ließ überschäumende Euphorie umschlagen in grausame Ernüchterung. War früher das Süppchen in Minutenschnelle zubereitet, so dauerte es jetzt Stunden. Jedenfalls schien es den beiden so. Doch was tun? Das mühsam und teuer erworbene Stück einfach wegschmeißen? Das brachten sie nicht übers Herz. Nach einigem Hin und Her waren sie sich einig. Mit Seufzern und schwerem Herzen ab damit in die Schublade! Bald darauf hielt ein Wasserkocher mit ausreichender Kapazität Einzug im Haushalt der beiden Reisenden.


Nun hätte diese Wendung wohl ein würdiges Ende der Geschichte sein können, hätte sich der Mann nicht einiger Vorgänge aus der Zeit ihres früheren, kleinstädtisch-sesshaften Lebens erinnert. Die beiden waren Angehörige einer Zunft, deren Meisterin nebst ihrem Gemahl und einigen Gehilfen jedes Jahr um die Osterzeit eine Reise in den Süden unternahm, um dort eine Schar von Gefolgsleuten an geeigneter Stelle in Handwerk und Technik zu unterweisen. Da Ostern nicht mehr allzu ferne war und die Gesellschaft just durch das Aufenthaltsgebiet der beiden Alten reisen würde, erkannte der ehrbare Mann darin sofort ein himmlisches Zeichen, das auszuschlagen nichts weniger als ein Frevel gewesen wäre.


Flugs schickte er ein schnelles Täubchen auf die Reise mit Anfrage an die Zunftmeisterin, ob unter ihren Gefolgsleuten noch ein Eigner eines Thermoplongschörs ausfindig zu machen wäre. Da der Betrieb eines solchen seit langem als nicht mehr zeitgemäß galt, wäre die Bereitschaft sicherlich groß, ihn an zwei bedürftige Mitglieder der Zunft weiterzugeben.

Es dauerte nicht lange, bis die Botschaft zurückkam, ein Thermoplongschör würde umgehend mit der Vorhut verschickt, um den Getreuen in der Ferne dienlich zu sein. So harrten sie in freudevoller Erwartung auf das Eintreffen der Vorhut.



Doch welches Weh, den Thermop
longschör brachten sie nicht mit! Stattdessen die Botschaft, die Zunftmeisterin persönlich würde das kostbare Gerät bringen, wenn auch erst auf der Rückreise von den Übungsstätten, da es der Eigner jedenfalls dort erst übergeben könne. Das brachte Trost und neue Zuversicht. Von nun an galt ihr Sehnen dem Eintreffen der Hohen Gäste, und sie beschlossen, dieses mit einem festlichen Mahle gebührend zu feiern.

Die Stunden und Tage vergingen glücklich und rasch. Das Osterfest nahte. Jedoch keine Gäste trafen ein, keine Nachricht erreichte die Wartenden. Kein Bote, kein Täubchen, weder Rauchzeichen noch Trommelklang meldeten Anzeichen einer bevorstehenden Ankunft. Die Ostertage vergingen, die Tage und Wochen danach – die Gesellschaft müsste schon längst wieder in der Hei
mat eingetroffen sein – immer noch nichts.

Sie besaßen kein Täubchen mehr, das sie hätten absenden können. Sie hatten deren vier am Gründonnerstag für das bevorstehende Festmahl geschlachtet. Ihr gespartes Geld war für Speisen und Wein ausgegeben, sodass an den Einsatz eines Boten nicht mehr zu denken war. Der nun wohl endgültige Verzicht auf den Thermoplongschör wäre noch am einfachsten zu verschmerzen gewesen. Jedoch die Ungewissheit über das Ausbleiben der Reisegesellschaft, dass sie womöglich teuflisches Ungemach heimgesucht habe, erfüllte sie mit tiefer Angst, Schuld und Reue. Hatte doch ihr allzu eigennütziges Begehren möglicherweise alles Unglück herbeigeführt oder auch nur dazu beigetragen?!?


Harte Wochen der Ungewissheit vergingen, bis eines Tages, als die launische Aprilsonne über die Mühsale des harten Winters schon annähernd gesiegt hatte, sich ein Reitersmann näherte und ein sorgsam in Leder gepacktes Bündel von der Zunftmeisterin überbrachte. Mit zitternden Händen öffneten sie es. Ein kleiner Beutel kam zum Vorschein. Buntes, glänzendes Leder. Sie öffneten den Reißverschluss: ebenmäßig gezogener, blitzender Stahl, vier gleichmäßige Windungen, ein griffiger, zwei starre Silberzähne bleckender Schukostecker, ein blütenweißes Kabel, sorgsam gewickelt und gezähmt von einem kräftigen Gummiband …


Sie standen sich eine Weile sprachlos gegenüber. Hatten sie das Ding nicht in die Schublade verfrachtet? Der Alte beeilte sich nachzuschauen. Natürlich war es noch da –  und jetzt standen sie da und hielten jeder dem anderen ein niedliches Thermoplongschörchen entgegen, neuwertig, untauglich und unschuldig wie Engelein … Ab diesem Augenblick konnten sie sich nicht mehr halten vor Lachen. Sie fielen sich um den Hals und lachten so laut und schallend, dass ihnen die Tränen wie kleine Edelsteine die Wangen herabkullerten.


Nun endlich hat die Geschichte ihr würdiges Ende gefunden. Kein noch so niedlicher Zwergthermo kann einem haushaltstüchtigen Kocher das Wasser reichen, auch nicht im Doppelpack. Ab damit in die Schublade! Und dort ruhen jetzt die beiden wie Zwillingsschwesterchen und schlummern in ihren bunten Lederbeutelchen friedlich einer passiven Zukunft entgegen. Und wenn man ihnen nichts Übles antut, dann ruhen sie dort noch lange.



Peter Schraß

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